IFOAM EU-Konferenz: Signal für Kopenhagen

Autor: Kai Kreuzer

Auf der mit rund 200 Personen aus 33 Ländern gut besuchten Konferenz der IFOAM-EU-Gruppe in Brüssel wurde die Marschrichtung für die große internationale Klimakonferenz in Kopenhagen vom 7.-18.12.2009 bestimmt. Wenn's nach den Teilnehmern in Brüssel ginge, sollten Regierungsvertreter in Kopenhagen vor allem auf Öko-Landbau statt auf Carbon Credits, dem Klima-Emissionshandel, setzen. Dort sei weitgehend unklar, was mit Milliarden Dollar Ausgleichszahlungen überhaupt unternommen werde. Gefordert wurde hingegen eine weltweite Pro-Kopf-Zuweisung für CO2,  und zwar für alle Erdenbürger gleich.  (Bilder sind durch Doppelklick auf Bildschirmformat vergrößerbar)
(Bild von r.n.l.: Podium mit E.U.Weizsäcker, H.Herren, J. Mousnier, T. Dosch, Niels Halberg, Urs Niggli)

 

Hauptthema der Brüsseler Konferenz, die in der Landesvertretung Baden-Württemberg stattfand, war die Darstellung der Kohlenstoffbindung im Öko-Landbau und die Vorteile, die dieser bietet gegenüber Varianten, die von der Politik favorisiert werden. Etliche Vertreter der EU-Kommission waren gekommen, um zu referieren oder teilzunehmen. Das überraschende Bonbon kam nach einem ganzen Tag geduldigen Zuhörens: „Können wir es uns leisten, nicht auf Öko-Landbau umzustellen“, war das Resümee von Maria de los Angeles Benitez Salas. Frau Salas ist nicht Mitglied einer Öko-Organisation, sondern Direktorin für nachhaltige Entwicklung, Qualität und Ländliche Entwicklung bei der Generaldirektion Landwirtschaft der EU-Kommission. Die Reaktion von Christoph Stopes, Präsident der IFOAM-EU-Gruppe kam umgehend: „Ich habe von Seiten eines Kommissionsvertreters noch nie ein so deutliches Statement zugunsten des Öko-Landbaus gehört.“ (Bild: Das Organisationsteam der IFOAM EU-Gruppe)

Vorsichtige Hoffnungen gibt es auch hinsichtlich des neuen EU-Kommissars für Landwirtschaft. Der Neue heißt Dacian Ciolos und kommt aus Rumänien. Er löst in Kürze Mariann Fischer Boel aus Dänemark ab, die dem Öko-Landbau vorsichtig wohlwollend gegenüber stand. Während seiner Ausbildung soll er bereits sechs Wochen auf einem Bio-Hof in der Bretagne verbracht haben, was in der Bio-Community als positiv registriert wurde.

Die Konferenz in Brüssel war von einer Reihe hochkarätiger Referate getragen, die der Information über die Hintergründe, aber auch der Motivation der Teilnehmer diente.

Ernst Ulrich von Weizsäcker, renommierter Streiter für eine Öko-Wende, stellte die gesamte Problematik des Energieverbrauchs, der Kohlendioxid-Emissionen und der Klimaerwärmung vor. Der Ausweg ist eine Effizienzrevolution mit dem Faktor 5, wozu auch der Öko-Landbau beitragen könne. „Factor five“ ist entsprechend auch sein neues Buch betitelt, das im Dezember in Großbritannien erscheinen wird. Er forderte, dass alle Menschen auf der Erde das gleiche Recht auf Energieverbrauch bekommen und eine gleiche CO2-Verschmutzungsmenge erhalten sollten. Eine enorm radikale Feststellung und Herausforderung der Industrieländer, fordert dies doch von ihnen eine sehr viel drastischere Reduzierung des CO2-Ausstoßes als bisher geplant. Positive Reminiszenzen an Ernst Ulrich von Weizsäcker gibt es, da unter seiner Ägide als Hochschulrektor in Kassel der erste Lehrstuhl für Ökologische Landwirtschaft 1978 eingerichtet und mit Hartmut Vogtmann besetzt wurde. (Bild: E.U. von Weizsäcker im Gespräch mit einer Doktorandin an der Uni Kassel-Witzenhausen)

Hans Herren (Bild), Vorsitzender des Millennium-Instituts sowie der Schweizer Hilfsorganisation Biovision, forderte, den Verbraucher die bislang externalisierten Kosten der Lebensmittelproduktion über den Kassenbon bezahlen zu lassen: „Wenn man vom Verbraucher die wahren Kosten über den Endverkaufspreis verlangt, würde sich die Situation über Nacht schlagartig verändern.“ Er verwies auf den IAASTD-Bericht, der unter seiner Leitung verfasst worden war. „Die Multifunktionalität der Landwirtschaft muss zugunsten neuer Arbeitsplätze weiter entwickelt werden, um Aspekte wie Grundwasserschutz und Energieerzeugung zu integrieren.“ Wichtig sei die Förderung von Kleinbauern und Familienunternehmen in Entwicklungsländern. „Wir brauchen eine Landschaft, in der die Menschen leben können.“

Ebenso wie Herren warnte auch Niels Halberg, Direktor des dänischen ICROFS-Instituts, vor einer Neuauflage der Grünen Revolution unter anderem in Afrika mit Pestiziden, Kunstdünger und Hybridsaatgut. Eine Notwendigkeit hierfür gäbe es nicht, lägen doch die Erträge aus der ökologischen Landwirtschaft in tropischen und subtropischen Regionen häufig über den konventionellen. Zwar treffe dies nicht unbedingt auf die Weltmarktprodukte zu, aber auf die Erzeugung der Grundnahrungsmittel.

Urs Niggli, Geschäftsführer des Schweizer Bio-Forschungsinstituts FiBL, zeigte die externen Kosten des konventionellen Landbaus auf. Eine britische Untersuchung belegt, dass diese 33 Pfund Sterling pro ha betrage. „Bio-Landbau in Verbindung mit reduziertem Pflügen erhöht die Biodiversität und die Fähigkeit, CO2 im Boden zu binden.“ Dies bewiesen die langjährigen DOK-Versuche in der Schweiz. „80-90 % des weltweiten CO2-Ausstoßes lassen sich durch eine Vollumstellung auf Öko-Landbau in der Landwirtschaft binden.“ 2,2 t CO2 könnten pro Jahr und Hektar dadurch gebunden werden (siehe Bild).

Johan Cejie, Richtlinien-Fachmann des Öko-Logos Krav aus Schweden, wies darauf hin, dass die schwedischen Bio-Standards demnächst um klimarelevante Kriterien erweitert werden. Bislang gibt es auch in der EU-Bio-Verordnung keine Maßgaben für Energie- oder Wasserverbrauch. „Become climate smart“ ist das Schlagwort, das die Diskussion bestimmt. Ziel ist, den CO2- als auch den Stickstoffausstoß zu reduzieren. Es werde, so Cejie, beispielsweise festgelegt, dass 80 % des Energieverbrauchs im Gewächshaus aus regenerativer Energie stammen und eine gute Dämmung sichergestellt werden müsse. Pro Kilo Erzeugnis sollen künftig höchstens 0,25 kg CO2-Ausstoß zulässig sein. Allerdings fügt Cejie an, falle der Hauptanteil des CO2 erst nach dem Verkauf im Einzelhandelsgeschäft beim Transport zum Haushalt an. Urs Niggli von FiBL forderte, dass künftig nicht nur „bio“ verkauft werden solle, sondern auch Bio-Diversität. Keine unbedingt einfache Aufgabe, aber möglich, wie einige der Praxisbeispiele zeigten. (Bild rechts: Argumentationshilfe der Soil Association für die Konferenz in Kopenhagen) 

Joachim Weckmann (Bild), Geschäftsführer von Märkisches Landbrot, war bei einer Arbeitsgruppe zu Praxisbeispielen eingeladen, um sein Unternehmen zu präsentieren. Märkisches Landbrot hat vor kurzem den Nachhaltigkeitspreis 2009 erhalten. Weckmann stellte sehr überzeugend die Aktivitäten vor, die weit über ein übliches Engagement hinaus gehen. Eine Photovoltaik-Anlage auf der Bäckerei versorgt den Betrieb mit Strom, in Madagaskar wird ein Öko-Projekt unterstützt, für eine Vollkornbäckerei in Katmandu wurde ein Bio-Bäcker ausgebildet, und in der Sahelzone wurde ein landwirtschaftliches Projekt unterstützt. Transparenz gegenüber dem Verbraucher schafft die Internetseite des Unternehmens. Dort ist die Öko-Bilanz einsehbar. Märkisches Landbrot gehört auch dem Verein Regional & Fair an.

Bioland-Vorsitzender Thomas Dosch warnte vor den Lügen der Agrochemie-Industrie: „Die Industrie verwirrt mit ihren Aussagen, so dass wir uns nicht nur auf die Verbraucher verlassen können.“ Christopher Stopes, nach Francis Blake neuer Präsident der IFOAM-EU-Gruppe, forderte mehr Forschungsförderung, um den Bio-Landbau noch besser auszurichten. Das Problem sei nach wie vor die Einstellung vieler Menschen. „Eine Tankfüllung für ein SUV-Geländefahrzeug könnte die Ernährung für eine palästinensische Familie für ein Jahr sichern.“ Die wirkliche Ernährungsrevolution erfordere jedoch zuvor ein vollkommenes Umdenken. In Hinblick auf die Kopenhagener Konferenz sehe er die Gefahr, dass der Öko-Landbau untergebuttert werde zugunsten von großformatigen Einheitslösungen, die letztlich nur der Agrochemie-Industrie dienen. „Wir müssen an einem nachhaltigen Ernährungsstil (sustainable diet) für den Planeten arbeiten“, so Stopes.
(Bild: Der Geschäftsführer der IFOAM EU-Gruppe, Marco Schlüter, moderierte die Eröffnungsveranstaltung in der Landesvertretung Baden-Württemberg)

Unterstützung kam gleich zu Beginn der Konferenz von Julien Mousnier, der Mariann Fischer Boel vertrat. Er beschrieb die Aktivitäten der Kommission in Sachen Öko-Landbau an den Beispielen Bio-Wein-Richtlinien und am neuen EU-Bio-Logo. 3400 neue Entwürfe seien inzwischen eingereicht worden, und drei kämen nun in die engere Wahl. Auf einer Internetseite könnten alle Interessierten bis Ende Januar 2010 abstimmen.
Wichtig sei der EU-Kommission, dass es in der Klimawandeldiskussion nicht nur um eine Abfederung der Auswirkungen, sondern auch um eine Anpassung der Landwirtschaft gehen müsse. „Es gibt eine Menge, die man vom Öko-Landbau lernen kann, aber die ökologische Landwirtschaft ist ein Teil der Lösung und nicht die Lösung.“ Nicht jeder wolle und könne auf Bio-Landbau umstellen.

Nach Brüssel gereist war auch eine Gruppe von Studierenden aus Hohenheim, deren Reise von der Heinrich-Böll-Stiftung unterstützt wurde. Die Gruppe (Bild) mit dem Namen Fresh setzt sich an ihrer heimischen Uni ein für Bio-Essen in der Kantine, Studi-Konferenzen, studentische Schrebergärten und veranstaltet Kochevents. Die Brüsseler Konferenz belebten sie mir ihren eigenen Fragen wie z.B. „Was können wir von der Gen-Lobby lernen?“ oder „Was macht die EU-Kommission in Sachen Klimawandel?“

Fazit: Inhaltlich für die Reise gestärkt, dürften die IFOAM-Vertreter in Kürze nach Kopenhagen aufbrechen. Als NGO-Vertreter zugelassen können sie versuchen, auf ihre jeweiligen Regierungsrepräsentanten einzuwirken. Unabhängig vom Ausgang der Verhandlungen der Regierungen in Kopenhagen kann die Brüsseler IFOAM-EU-Tagung als voller Erfolg bezeichnet werden, die nicht nur bei den anwesenden Mitarbeitern der Europäischen Kommission auf fruchtbaren Boden gefallen sein dürfte.

Sinnvoll wäre es jedoch, diese Konferenz, auf der sich die europäische Bio-Branche mit EU-Kommissionsmitarbeitern, EU-Parlamentariern, Bio-Unternehmen und sonstigen Organisationen trifft, in einem jährlichen Turnus in Brüssel stattfinden zu lassen. Bislang fand sie vor zwei Jahren zum ersten Mal statt.
Die Zielrichtung: Gedanken- und Informationsaustausch, Lobbying, aber auch Förderung des internen Networkings.


Tipp:
www.organic-congress-ifoameu.org

Klima-Regeln in Bio-Richtlinien:
http://www.klimatmarkningen.se/in-english/

04.12.2009

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