Herbstspecial 2014

Zuwachs in der Naturtextilbranche

Autor: Kai Kreuzer

„Von 2010 auf 2011 hat sich die Anzahl der Naturtextilläden in Deutschland verdoppelt“, schwärmt Kirsten Brodde, Naturtextilfachfrau und Autorin des Buchs "Saubere Sachen: Wie man grüne Mode findet und sich vor Öko-Etikettenschwindel schützt". Bio-Markt.Info besuchte einen der von ihr empfohlenen Läden: das im August 2011 eröffnete Naturtextilfachgeschäft Glore in Stuttgart.
Für Ein- und Wiederverkäufer in der Branche bietet in Kürze die Fachmesse Innatex in Wallau bei Wiesbaden einen umfassenden Überblick über die Hersteller, Trends und Tendenzen. Auch die BioFach im Februar bietet mit Modenschauen, Vorträgen sowie Textil-Ausstellern Gelegenheit zum Informieren und Ordern.
(Bild: Glore in Stuttgart)

 

„Naturtextilien müssen einerseits ganz normal aussehen, andererseits auch modisch sein“, so das Credo von Nicola Haug. Sie ist die Inhaberin von Glore, dem vierten Geschäft mit diesem Namen, nach den Läden in Nürnberg, München und Hamburg. Die 34-jährige Quereinsteigerin hat sich zwei Jahre in den Läden in München und Nürnberg eingearbeitet, um jetzt eine eigene Filiale zu eröffnen. Sie hat Kommunikationswissenschaften studiert und in der Filmproduktion gearbeitet. „Das Medienbusiness war mir jedoch zu seicht“, sagt sie heute. Daher suchte sie nach einer Sinn erfüllten Tätigkeit. Diese hat sie im Naturtextilbereich gefunden.

Am 19.8.2011 eröffnete sie ihr Geschäft in Stuttgart in der Eberhardstr. 10, in sehr guter Innenstadtlage: Ein Steinwurf von der belebten Fußgängerzone Königstraße entfernt. Die Verkaufsfläche beträgt 83 m², und in den Regalen liegen neben vielen Jeans von Nudie und Kuyichi auch Pullover und Strickjacken (ebenfalls Kuyichi), Taschen sowie pflanzlich gegerbte Schuhe (ohne Chrom), Stiefel und Turnschuhe von Veja, an Ständern hängen Hemden, Blusen und Jacken. Sweatshirts und T-Shirts kommen von Greenality. Sie werden in Deutschland und Indien hergestellt. Glücksstoff mit Sitz in Kornwestheim bei Stuttgart produziert ganz regional T-Shirts und Kapuzenpullis auf der Schwäbischen Alb. Vivo Bare Foot, Schuhe mit flachen, sehr elastischen Sohlen sind „made in China“, aber Fairtrade. Auf dem Tresen stehen unterschiedlich große Radios (Bild rechts) mit einem Holzgehäuse von Wooden-Radio.com. „Als dieses Radios von einem Fairhandelsprojekt mal im Fernsehen vorgestellt wurden, war die Nachfrage groß“, so Haug.
In einer Art Franchisesystem sind alle Glore-Läden miteinander sowie mit dem Gründer Bernd Hausmann, der den Nürnberger Laden führt, verbunden. „Jeder ordert jedoch getrennt und arbeitet auf eigene Rechnung. Wenn mal was fehlt, holen wir die Ware vom anderen Glore-Laden“, erläutert Haug.

Rund 25 verschiedene Marken sind im Stuttgarter Glore-Laden vertreten, die entweder mit Materialen aus Bio-Produktion arbeiten oder Recycling-Produkte anbieten. In einem dicken Winteranorak (Bild links) steht auf der Innenseite „100 % recycled Pet-Bottles“. Aber warum steht das nicht auf der Außenseite? Öko ja bitte – aber es darf bloß niemand sehen? Auch bei den anderen Naturwaren fällt auf, dass der Kunde lange suchen muss, bis er ein Organic Cotton-Schild oder ähnliches findet. Selbst das GOTS- oder Fairtrade-Logo ist kaum zu sehen. Mehr Transparenz und Klarheit seitens der Hersteller wäre durchaus angebracht. Schließlich wollen viele Kunden, die etwas Gutes tun und dafür einen höheren Preis bezahlen, dies auch nach außen kommunizieren.

„Das ist prima, dass es Sie hier gibt“, freut sich eine Besucherin, die den Laden eben erst entdeckt hat. Rund 30 bis 40 Interessenten kommen pro Tag zu Glore in Stuttgart, allerdings kauft erst ein Teil davon auch etwas ein. Viele schauen erst einmal nur oder sind durch die Preise abgeschreckt. „Die Preise sind nicht höher als bei anderen Markenartikeln. Zu vergleichen sind sie allerdings nicht mit den preisgünstigen Angeboten der Kaufhäuser“, kontert Nicola Haug. Mit derzeit fünf bis zehn Verkäufen pro Tag ist Nicola Haug ganz zufrieden. Kleinere Events auf einer zufälligerweise im Laden vorhandenen Bühne bieten Chancen, neue Kunden in den Laden zu holen: eine Musikgruppe mit Sänger hat schon einmal rund 40 Besucher in den Laden gelockt. Solche Veranstaltungen könnten zukünftig zu einer verstärkten Kundenbindung beitragen. Um Kundenkreise auch in anderen Städten zu erschließen, wurde ein Onlineshop aufgebaut. Er ist an den Laden in Nürnberg angebunden, von wo aus die Bestellungen versandt werden. (Bild links: Fair gehandelte Turnschuhe u.a. aus Bio-Baumwolle)

Die Innatex ist die weltweit einzige internationale Fachmesse für nachhaltige Textilien, die neben dem klassischen Bekleidungssektor auch zahlreichen weiteren textilen Produktgruppen wie Accessoires, Heimtextilien, Stoffen und Spielzeug eine Vertriebs- und Kommunikationsplattform bietet. Die Fachbesuchermesse findet seit 1997 zwei Mal im Jahr – jeweils im Winter und im Sommer in Hofheim-Wallau zwischen Frankfurt und Wiesbaden statt. Mit der 30. Veranstaltung vom 28. bis 30. Januar 2012 feiert die Innatex ihr 15-jähriges Jubiläum. Renommierte Naturtextil-Marken, einst als Nischen-Produzenten verkannt, verkaufen heute ihre Ware weltweit. Wollte man ursprünglich noch möglichst natürliche und naturbelassene Fasern, so liegt das Augenmerk heutzutage zusätzlich auf besonders ökologischen und sozialen Anbaumethoden der Rohstoffe.

Bio-Baumwolle, Hanf, Peace-Silk, Stoffe aus Bananenschalen, Soja- oder Recyclingfasern sind innovativ und eröffnen ungeahnte Design-Möglichkeiten. Die einstige „Öko-Mode“ präsentiert sich heute selbstbewusst und mit einem Gefühl für den Zeitgeist mehrerer Generationen. Durch ihre Kontinuität und das vielgelobte „angenehme Orderklima“ stieg die Zahl der Innatex-Aussteller von Jahr zu Jahr. Zur 30. Ausgabe verzeichnen die Veranstalter sogar den bisherigen Rekord. Mit 259 Anmeldungen wurde nun auch der letzte Platz im Ardek Center in Hofheim-Wallau vergeben. „Wir sind sehr zufrieden sowohl mit der Anzahl als auch mit der Qualität unserer Aussteller“, so Messeleiter Alexander Hitzel. Zur Innatex 30 gleicht der Veranstalter den Gesamtstromverbrauch an allen Messetagen sowie an Auf- und Abbautagen mit der Kompensation von 26 Tonnen CO2 aus. Die Emissionen für die Heizkosten werden zudem mit einem Pauschalbetrag abgegolten. Der bereits vor einem Jahr eingeführte Bio-Imbiss wird wieder ausgewählte Speisen und Getränke in 100 % zertifizierter Bio-Qualität anbieten. (Foto: INNATEX)

INNATEX
Messewebsite: www.innatex.de
Digitaler Ausstellerkatalog: http://tinyurl.com/aktuellermessekatalog

Unabhängige Informationen zum Naturtextilbereich:
http://www.kirstenbrodde.de

Liste der Öko-Modelabel:
http://www.kirstenbrodde.de/?page_id=1440

Liste der Naturtextil-Läden in Deutschland:
http://www.kirstenbrodde.de/?page_id=1451

24.01.2012

Artikel kommentieren / Kommentare anzeigen
Styx ber
Eisenherz
ÖKOPORTAL - Das Webverzeichnis der Ökobranche