Autor: Kai Kreuzer
Zur Internationalen Grünen Woche in Berlin hat Bundesverbraucherministerin Ilse Aigner eine bundesweite Initiative für eine bessere Kennzeichnung regionaler Lebensmittel gestartet. „Wir erleben in Deutschland eine Renaissance des Regionalen“, so Aigner. Bisher könne der Kunde aber nicht immer erkennen, ob drin ist, was draufsteht. Deshalb werde mit Regionalanbietern an einer besseren Regionalkennzeichnung gearbeitet. Über den Vorschlag des Ministeriums gibt es inzwischen jedoch eine erhebliche Kontroverse. Der Bundesverband der Regionalbewegung präferiert ein privatwirtschaftliches Zertifizierungssystem wie es beispielsweise bei den Bio-Verbänden der Fall ist. Die Kernfrage ist: soll es ein Regionallogo vor allem für "Big Business" geben oder für kleine und mittelständische Handwerksbetriebe, die mit Regionalinitiativen zusammenarbeiten.
Mit Vorsicht sind die Ergebnisse einer Emnid-Umfrage im Auftrag des Bundesverbraucherministeriums zu genießen. Demnach achtet die Hälfte aller Verbraucher beim Einkauf auf Lebensmittel aus der Region. 79 % der befragten Verbraucher wären demnach bereit, mehr Geld für regionale Lebensmittel auszugeben. Doch nicht einmal jeder Fünfte fühlt sich über die Herkunft regionaler Lebensmittel verlässlich informiert, so das Ergebnis der Umfrage. Allerdings ist bekannt, dass die bei Umfragen geäußerten Meinungen nur bedingt auf die Situation am Markt übertragbar ist und daher mehr allgemeine Stimmungen ausdrücken. (Bild links: In den letzten Jahren hat sich der konventionelle Handel zunehmend des Themas bemächtigt)
verlässliche Regionalkennzeichnung in Deutschland“, erklärte Bundesministerin Aigner. Verbraucher müssten beim Blick auf die Verpackung erkennen können, warum ein Hersteller sein Produkt „regional“ nennt. Das fängt bei der Frage an: Was ist eine Region? Wo beginnt sie, wo endet sie? Zudem möchten Verbraucher vor allem wissen, woher die Hauptzutaten stammen. Man wolle kein eigenes neues Siegel etablieren, sondern Klarheit darüber schaffen, wie viel Regionalität tatsächlich hinter den regionalen Kennzeichnungen steckt und wie die Bedingungen aussehen, unter denen ein Produkt erzeugt wurde. „Mehr Transparenz und mehr Klarheit – das ist nicht nur ein Anliegen der Verbraucher, sondern vieler Regionalvermarkter. Regionale Produkte sind ein Zukunftsmarkt – langfristig werden sie aber nur Erfolg haben, wenn sie das Vertrauen der Verbraucher finden“, sagte Aigner.
In den vergangenen Monaten hat das Bundesministerium verschiedene Wege und Modelle eingehend prüfen lassen. Mit der Entwicklung von Kriterien für eine bundesweite Regionalkennzeichnung wurde das Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FibL) zusammen mit der Initiative MGH Gutes aus Hessen GmbH. In der Untersuchung wird ein Überblick über bestehende Regionalkennzeichnungen der Länder, des Lebensmitteleinzelhandels und der Regionalinitiativen erarbeitet, um auf dieser Basis Kriterien für eine bundesweite Regionalkennzeichnung zu entwickeln. Auch Verbraucherzentralen, Handel, Länder, Bio-Verbände und der Bundesverband Regionalbewegung seien mit eingebunden, heißt es von Seiten des Ministeriums. (Bild links: Regionalkennzeichnung bei der Erzeuger-Verbraucher-Genossenschaft Landwege in Lübeck)
Der Bundesverband der Regionalbewegung (BRB) begrüßt einerseits, dass die Politik auf die Forderungen der Regionalbewegung reagiert und glaubwürdige Regionalvermarktung unterstützen möchte. Den eingeschlagenen Weg mit einer Öffnung der Regionalkennzeichnung für den Einzelhandel im Allgemeinen hält man für „äußerst zweifelhaft“. Nach Ansicht des Bundesverbandes würde es bedeuten, dass global arbeitende Unternehmen ihren Filialbetrieben (z.B. Puten-, Hähnchen- oder Schweinemästern) mit einem „Regionalfenster“ das regionale Mäntelchen umhängen könnten. „Wir sehen vor allem in den kleinen und mittleren Betrieben wichtige Stabilitätsfaktoren eines freien Marktes im ländlichen Raum“, sagt Bundesvorsitzender Heiner Sindel (im Bild zweiter von links).
Bei der Bearbeitung der Studie zur Regionalkennzeichnung seien zwar viele Akteure wie Verbraucherzentralen, Handel, Länder, Bio-Verbände und der Bundesverband der Regionalbewegungen angehört worden, so Sindel, wichtige Marktteilnehmer wie das Lebensmittel verarbeitende Handwerk, z.B. Metzger und Bäcker sowie Akteure aus Natur- und Umweltschutzverbänden, Landschaftspflegeverbände, die langjährige Erfahrungen im Bereich glaubwürdiger Regionalvermarktung haben, seien nicht berücksichtigt worden.
Qualitätsangaben für „regionales Produkt“ auf EU-Ebene dazu dienen, missbräuchliche Verwendung dieser Begrifflichkeiten von Seiten der Unternehmen und des Handels ahnden zu können, d.h. die Werbeversprechen können somit überprüfbar und bestrafbar gemacht werden.
Bio-Markt.Info bat zwei bekannte Regionalvermarktungsinitiativen, die bereits seit den Achtziger Jahren aktiv sind um ihre Meinung. Klaus Lorenzen (Bild) von der EVG Landwege eG hat ebenfalls Bedenken: "Grundsätzlich kann ich der Kritik der Regionalbewegung am geplanten „Regionalfenster“ voll und ganz zustimmen. Nach meiner Ansicht wird das „Fenster“ vor allem aufgrund des aufwendigen Kontrollsystems in erster Linie den Belangen bundesweit agierender und vermarktender Unternehmen gerecht und nicht kleineren und mittleren Regionalinitiativen, die vor allem in der Region vermarkten. Anscheinend – so habe ich es verstanden- ist auch nicht gedacht, den Erzeuger in dem Fenster zu nennen, sondern es „können Orte der Verarbeitung und der Rohstoffherkunft“ angeführt werden. Regionalität, so wie wir sie verstehen lebt aber von der Transparenz bis zum einzelnen Hof.
Klaus Hutner (Bild) von Tagwerk: "Die Verbraucher- und Erzeugergenossenschaft Tagwerk vermarktet seit 27 Jahren regional erzeugte Bio-Lebensmittel. Wir freuen uns, dass unser in den Anfangsjahren oft belächeltes Konzept, das Wirtschaften in einer regionalen, überschaubaren Struktur inzwischen von einer Mehrheit der Verbraucher so gewünscht wird. Wir begrüßen die Bestrebungen in der Politik die Regionalkennzeichnung zu verbessern. Angesichts der vielen auf dem Markt befindlichen Pseudo-Regionalprodukten ist eine glaubwürdige und transparente Kennzeichnung von regionalen Produkten dringend erforderlich.| Was denken deutsche Verbraucher über regionale Lebensmittel? Ergebnisse einer Umfrage im Auftrag des Bundeslandwirtschaftsministeriums (EMNID / 1000 Befragte / Umfragezeitraum 16.-19.12.2011) 1. Rund die Hälfte (48 %) aller Verbraucherinnen und Verbraucher achtet beim Einkauf darauf, dass Lebensmittel aus einer bestimmten Region kommen. 2. Fast die Hälfte (45 %) aller Verbraucherinnen und Verbraucher kauft regionale Lebensmittel auf dem Wochenmarkt. Supermärkte sind jedoch mit Abstand die Hauptbezugsquelle (86 %). 41 % der Befragten kaufen regionale Produkte direkt vom Bauern. 3. Hauptmotiv der Verbraucher: Sie haben Vertrauen zu den Landwirten aus der Region (83 %). Kurze Transportwege (80 %), positives Lebensgefühl (71 %), Arbeitsplätze in der Heimat sind für mindestens zwei Drittel (70 %) relevant. 4. 79 % der Verbraucher wären bereit, mehr Geld für regionale Lebensmittel auszugeben (10 % deutlich mehr, 69 % etwas mehr). 5. Nicht einmal jeder Fünfte (17 %) fühlt sich über die Herkunft regionaler Lebensmittel verlässlich informiert (66 % teilweise, aber die Informationen müssen noch klarer sein). 6. Drei Viertel (75 %) der Verbraucher meinen, verbindlich definierte Kriterien für Regionalsiegel würden mehr Vertrauen schaffen. 7. Bei einer Regionalkennzeichnung wäre nur für 56 % der Befragten eine klare geographische Abgrenzung wichtig. Am wichtigsten ist, dass das Produkt in der Region verarbeitet wurde (81 %). 70 % der Verbraucher legen Wert darauf, dass bei Fleischprodukten auch die Futtermittel aus der Region stammen. 8. Der Aspekt Tierwohl (89 %) ist den Menschen mit Abstand am wichtigsten gegenüber Bio-Produktion (56 %) und regionaler Herkunft (54 %). Für 71 % hat der Preis Priorität. |
03.02.2012