Autor: Kai Kreuzer
Rund 60 IFOAM-Mitglieder aus aller Welt waren gekommen, um am Nachmittag vor der BioFach-Eröffnung (16.2.2010) in verschiedenen Berichten mehr über den Bio-Markt und seine Trends in unterschiedlichen Kontinenten zu erfahren. Beiträge aus den USA, England, Schweden und Malaysia zeigten die Schwierigkeiten und Chancen in der Bio-Entwicklung weltweit auf. Zu Beginn begrüßte IFOAM-Präsidentin Katherine DiMatteo die anwesenden Gäste.
Jonathan Banks (Bild links) von Nielsen in Großbritannien ging auf die unterschiedliche Entwicklung des Bio-Markts in Europa sowie die verschiedenen Trends und Verbrauchereinstellungen in seinem interessanten Vortrag ein. Der Titel: „Consumer Behavior in Tough Economic Times“. Während in Großbritannien der Bio-Umsatz 2007 noch um 4 % gestiegen war, ist er im vergangenen Jahr um 14 % zurückgegangen. Gründe hierfür sind die instabile wirtschaftliche Lage im Königreich und die Sorge der Menschen um ihre Arbeitsplätze, die Wirtschaft im Allgemeinen sowie um steigende Lebenshaltungskosten. Das Thema Klimaerwärmung belegt mit Rang 10 der Sorgenskala nicht gerade einen vorderen Platz. Als Maßnahme den Gürtel enger zu schnallen, werden von Seiten der Verbraucher genannt: weniger Geld für Kleider ausgeben, weniger Unterhaltung außer Haus und auf preiswertere Marken im Lebensmitteleinkauf umsteigen. Eine nicht zu unterschätzende Rolle in der Abwärtsentwicklung des Bio-Markts in Großbritannien spielten auch Kampagnen der dortigen Medien. Eine Reihe von Veröffentlichungen bezweifelte den Wert von Bio-Lebensmitteln und unterminierte damit das Vertrauen in Öko-Produkte.
“Consumer Culture and Tomorrow’s Marketplace” war das Thema von Tamara Barnett (Bild rechts), Analystin bei der Unternehmensberatung Hartmann (Washington/USA), die sich seit 1989 intensiv mit Verbraucherforschung auseinandersetzt. In ihrem außerordentlich lebhaften und gut dargestellten Beitrag ging sie auf die sich verändernden Verbrauchergewohnheiten und neuen Lebenseinstellungen ein. Sie bestätigte aus den Untersuchungen der Unternehmensberatung, dass Verbraucher durchaus bereit seien, höhere Preise zu bezahlen, wenn dies durch einen Mehrwert gerechtfertigt erscheint. Dreiviertel der US-Bürger
kaufen regelmäßig oder gelegentlich Bio-Produkte (siehe Grafik links). Festzustellen sei, dass Verbraucher verstärkt an nachhaltigen Produkten Interesse haben, mit denen sie ihre Verantwortung dokumentieren können. Daher ist die Frage der Verpackung, in der ein Erzeugnis daher kommt, eines der ersten Wahrnehmungen. Hier stelle sich beispielsweise die Frage der Abbaubarkeit oder des Recycling der Verpackungsmaterialien. Plastik-Verpackungen, Plastiktaschen oder Styropor-Schalen werden von den Kunden ganz überwiegend negativ beurteilt.
Wie der LEH Bio-Pionier sein kann, beleuchtete Mikael Robertsson, Umweltbeauftragter bei Coop Schweden. Coop ist ein Unternehmen im Besitz von Verbrauchern. Der Marktanteil am schwedischen Lebensmittelmarkt liegt bei 20 %, jedoch bei 44 % im Bio-Bereich. Mit 777 Supermärkten und 61 Kaufhäusern wird ein Umsatz von 3 Mrd. Euro erzielt. 6,5 % des Umsatzes von Coop Schweden wird mit Bio-Produkten generiert, doppelt so viel wie der Marktanteil von Bio in ganz Schweden (3 %). Nicht verwunderlich, dass die bekannteste Bio-Marke in Schweden die von Coop ist: Änglamark (Bild). Das Bio-Wachstum bei Coop lag 2009 bei 8 %, das in Schweden insgesamt bei 18 %. Das Ziel von Robertsson ist nicht, 100 % bio zu erreichen. Er sagt, 51 % sind ausreichend, um den Tipping point zu erreichen, so dass sich die Gesellschaft umstellt. Ziel ist, dass der Verursacher auch für alle angerichteten Schäden aufkommen muss. Statt dass Bio-Produkte immer mehr kontrolliert und mit Kosten belastet werden, sollte die konventionelle Landwirtschaft stärker kontrolliert werden und die Kosten für Schäden im Boden, Grundwasser oder der Natur übernehmen. Titel seines Beitrages: Conventional Business Spearheads the Organic Development.
Über die Herausforderungen, sich auf dem Markt in Malaysia zu behaupten, berichtet mit anschaulichen Beispielen Selina Gan (Bilder links und unten). Die charismatische Gründerin und Geschäftsführerin von Country Farms Organic hat bereits umfangreiche Erfahrungen in der Bio-Vermarktung in Malaysia mit zwei Bio-Supermärkten, einem Bio-Restaurant und in der Belieferung von Bio-Abteilungen (50 m² -800 m²) in herkömmlichen Supermärkten gemacht. Da zu wenige Produkte im heimischen Markt vorhanden waren, entwickelte sie ihr Unternehmen immer mehr in Richtung Import und Export. Enthusiastisch zeigte sie sich von einem neuen Direktmarketingsystem, das den Kunden unmittelbar anspricht und beliefert. 1998 hatte sie ohne Vorwissen im Bereich Handel begonnen in einem Land, das den Begriff bio kaum kannte. Eine nennenswerte Entwicklung entstand seit 2003, als die ersten Naturkostläden gegründet wurden. Inzwischen sind es rund 100, die über eine Verkaufsfläche von 50-120 m² verfügen.
Der Bio-Anteil dieser Health Food Stores liegt bei rund 40 %, das übrige Sortiment sind meist all natural-Waren aus Taiwan. 2005 stieg der LEH ein, beispielsweise die Handelskennten Jusco, Carrefour, Tesco, Cold Storage, die von Country Farm Organics beliefert werden. Inzwischen, berichtet Gan stolz, wüssten acht von zehn Menschen in Malaysia, was bio ist, und die Hälfte davon hätten Bio-Produkte immerhin schon einmal probiert. Probleme sieht die agile Bio-Vermarkterin Selina Gan in einer mangelnden Verfügbarkeit von frischem Gemüse, in zu hohen Preisen sowie der Abhängigkeit von Importen, da es noch zu wenig Bio-Bauern und –Verarbeiter im Land gibt. 85 % der verkauften Bio-Ware werden importiert. Titel des Beitrags: How the Malaysian Organic Market Evolved in one Decade.10.03.2010