Das Bio-Hotel Balance im Wallis

Autor: Sylvia Raabe

Seit 2003 gehört das Hotel Balance zur Gruppe der BioHotels. Gegründet wurde der Betrieb im Herzen der Schweiz jedoch bereits vor über 25 Jahren. Das über 100 Jahre alte Haus strahlt eine besondere Atmosphäre aus und liegt hoch in den Bergen mit einem phantastischen Ausblick auf das Alpenpanorama. Sylvia Raabe hat das Biohotel im vergangenen Jahr besucht und diesen Artikel verfasst. Derzeit gibt es 65 Mitglieder in fünf Ländern bei der Vereinigung BioHotels. Bis Jahresende könnten es rund 70 sein, schätzt der Marketingverbund.
(Bild: Bio-Hotel Balance in der Westschweiz)

 

Im Kanton Wallis in der französischen Schweiz geben sich die Berge nicht mit voralpinem Geplänkel ab. Sie stehen einfach da, mächtig, felsig-schroff und aus dem Stand steil ansteigend. Um mit dem Auto aus dem Tal nach Les Granges zu gelangen, müssen sich die Gäste 15 Minuten die kurvig-steile, dem Fels abgetrotzte, aber ungefährliche Straße hinaufwinden. Oben erwarten sie kleine, verwinkelte Ortschaften mit Häusern aus Holz und Stein, die sich noch ihren ursprünglichen schroffen Charme bewahrt haben - passend zur Walliser Bergwelt. Einen extra für Touristen angelegten pseudoalpinen Putz gibt es hier nicht. Die Natur selbst ist für die Besucher Dekoration und Attraktion zugleich. Das Hotel Balance liegt in Les Granges (50 km Luftlinie südlich von Bern) im wild-idyllischen Vallée du Trient, gut 600 Meter oberhalb vom Talort Martigny. Das Bergdörfchen zählt gerade mal 120 Einwohner. (Bild rechts: Speisesaal)

Für Roland Eberle (Bild unten) war es Liebe auf den ersten Blick, als er 1984 - ebenfalls an einem schönen, sonnigen Wintertag - in Les Granges die Fensterläden dieses Hotels aufstieß. Er ließ den Blick über das frisch beschneite Gebirgspanorama schweifen und spürte, dass er hier seinen Traum verwirklichen würde: Einen Ort schaffen, an dem sich Menschen begegnen und austauschen können, ein Hotel mit gesunder Ernährung. Roland und seine damalige Frau Lea ernährten sich streng makrobiotisch und wussten aus eigener Erfahrung, wie schwer diese Lebensform auch im Urlaub durchzuhalten war – aus Mangel an entsprechenden Hotels. Damals arbeitete der Deutschschweizer Roland als Berufsschullehrer. Der studierte Betriebswirt sah eine Marktlücke, die er gemäß seiner eigenen Lebensphilosophie schließen wollte.

Am 12. April 1984 kaufte der heute 56-Jährige das alte Hotel aus dem Baujahr 1897. Es hatte sieben Jahre leer gestanden und war stark renovierungsbedürftig. Mit Hilfe von befreundeten Handwerkern renovierte Roland das Haus nach und nach. Die ersten fünf Jahre in der Geschichte des Hotel Balance pendelte er noch zwischen zwei Welten hin und her: Von Montag bis Donnerstag arbeitete er bei St. Gallen nach wie vor als Lehrer, die restlichen Tage verbrachte er in Les Granges auf der Baustelle. Jedes Stockwerk brauchte eigene sanitäre Einrichtungen, die Zimmer großzügigere Grundrisse, und die Holzwände zwischen den Zimmern mussten gedämmt werden. Bei all den Umbauten sollte aber der Charakter und die Substanz des über 100 Jahre alten, baubiologisch einwandfreien Hauses nicht verändert werden. Insgesamt 20 Jahre dauerte die Renovierung. Mit den Jahren wuchs die Anzahl der Betten beständig und damit auch die Gästezahl.

Rolands Ehefrau Ulrike ist fast täglich in ihrem Behandlungsraum zu finden, in dem sie für die Gäste Shiatsu, Ayurveda und Massagen anbietet. Die Diplomsportlerin liebt die Begegnung mit den Gästen. Das Balance bringt sie auf ihrem persönlichen Weg weiter. „Das Hotel ist für mich da, ich bin nicht die Dienerin der Gäste“, erklärt sie ihre Philosophie. „Wir begegnen unseren Gästen auf einer Ebene. Das ist ein Austausch, der gibt beiden Seiten Kraft. Aber wir drängen niemandem etwas auf.“

Im Haupthaus des Balance, das im vergangenen Jahr sein 25. Jubiläum hatte, sind 23 Zimmer mit 44 Betten untergebracht; schon lange haben alle Zimmer ein eigenes kleines Bad. Kein Raum gleicht dem anderen. Jedes Zimmer ist individuell mit alten Bauern- und Naturholzmöbeln eingerichtet. Über vielen Betten hängen gewebte Bilder von Rolands Vater, einem Bäcker, der diese Handarbeit in seinem Ruhestand für sich entdeckt hat. Die Treppe und Holzböden des über 100 Jahre alten Hauses knarzen heimelig, manche Wände und Decken – aus Holz wie in einem Schweizer Chalet - sind etwas schief. In der kleinen Bibliothek neben dem Hoteleingang flackert an kalten Tagen ein Feuer im Kamin. Einerseits haben Ulrike und Roland das Ursprüngliche des Hauses bewahrt, andererseits haben sie das Balance über die Jahre stetig verändert und erweitert. Es kamen großzügige moderne Appartements außerhalb des Stammhauses dazu. Das größte der sieben Appartements ist mit Eckbadewanne mit Jacuzzi, Esstisch, eine Küchenzeile, Ledersofa, Kinder- und Doppelbett ausgestattet. Vor einiger Zeit haben die Hoteliers neben der kleinen finnischen Sauna ein Hamam eingebaut. In einem Anbau am Haupthaus entsteht gerade ein Zimmer mit privatem Spa. Bei der Auswahl der Baustoffe und Einrichtung verwenden die Hoteliers so weit wie nur möglich baubiologisch sinnvolle Materialien.

Das Balance wurde 2003 als erstes Hotel in der Schweiz für sein nachhaltiges Konzept mit der Höchstnote von fünf Steinböcken – einem Schweizer Umweltsiegel – ausgezeichnet. Bereits 1986 sorgte Roland mit Solarkollektoren für die Warmwasserproduktion. Seit 2006 decken die Hoteliers mindestens 50 % ihres Strombedarfs durch die hauseigene Photovoltaik-Anlage. Die Gäste sehen beim Hoteleingang auf einer LED-Anzeige, welche Leistung diese im Augenblick bringt.

Bei der Finanzierung der Anlage gingen Ulrike und Roland neue Wege, unter anderem mit Hilfe von Darlehen und Schenkungen ihrer Gäste. „Die Gäste haben das gerne gemacht, weil sie ihr Geld in etwas Gutes investieren konnten“, erklärt Roland. „Ich möchte mit unserem Hotel zeigen, dass Nachhaltigkeit machbar ist, besonders auch im Tourismus.“ So werden die Sauna und das Hamam auch nur bei Bedarf und auf Gästewunsch angeheizt, um nicht sinnlos Energie zu verschwenden. Nur die Heizung macht dem Hotelier noch Sorgen. Baubiologisch ist die Grundsubstanz des Hauses aus dem 19. Jahrhundert völlig in Ordnung, eine Isolierung nach heutigem Standard aber fehlt. Der Verbrauch von Heizöl ist zu hoch, und das passt nicht zu Rolands ganzheitlichem Ansatz. Als nächstes großes Projekt hat er sich daher eine Heizung auf Basis von Geothermie vorgenommen, bei der er die natürlich vorhandene Erdwärme nutzen wird.

Verändert hat sich im Laufe der Zeit auch die Küche des Balance. Die reine Lehre der Makrobiotik verfolgen Roland und Ulrike heute nicht mehr. Nach wie vor ist die Küche aber vegetarisch, nur ausnahmsweise gibt es Fisch. Tierische Produkte wie Milch und Käse kommen meist nur zum Frühstück auf den Tisch. Die Makrobiotik hat das Hotelier-Paar mit der Zeit als zu einschränkend erlebt und hat sie für sich und ihre Gäste weiterentwickelt. Bio gehörte von Anfang an zum Balance. Was immer Roland in Bio-Qualität bekommen konnte, servierte er seinen Gästen. Alle Gerichte bereitet er zusammen mit seinem Mitarbeiter Ljubo, der bereits seit 13 Jahren im Balance arbeitet, frisch und in Handarbeit zu. Er legt Wert auf überwiegend saisonale Zutaten. Davon, dass auch Bio-Lebensmittel mittlerweile um die halbe Welt fliegen, hält Roland nichts. Die Standards der BioHotels garantiert ihren Gästen u.a. die Verwendung von kontrolliert biologischen Lebensmitteln. Nur wenige Ausnahmen sind erlaubt, und diese müssen für den Gast erkennbar sein. Im Balance sind das Milch, Joghurt und Käse vom einzigen Bauern, den es noch in Les Granges gibt. Der Inhaber des Hotels, Roland Eberle, möchte seinen Nachbarn unterstützen und vermeiden, dass auch noch der letzte Hof aus dem Ort verschwindet.

Die steilen, kurvigen Straßen, ein kleines Dorf ohne die üblichen touristischen Attraktionen, kein Fleisch, keine Rezeption, kein Fernseher – Roland erzählt: „Es kann schon mal passieren, dass ein Gast hier oben ankommt, fertig mit den Nerven ist und am nächsten Tag gleich wieder abreisen will, weil er etwas anderes erwartet hat. Dann mache ich ihm erst mal eine Tasse Kaffee oder Tee, spreche mit ihm, lasse ihn ankommen. Und bisher ist noch jeder gerne geblieben.“

Auszeichnungen und Zertifizierungen

• Schweizer Siegel für Nachhaltigkeit: Fünf Steinböcke (2005)
• ausgezeichnet als eines der besten Hotels in Europa von GEO-Saison, Kategorie
Ökohotels (2009)
• seit 2003 zertifiziert nach den Standards des Vereins „Die BIO-Hotels“

Tipp: www.vegetarisches-hotel.ch

22.07.2010

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