Autor: Sabrina Gundert
In einem Marburger Hinterhof, von der Straße aus kaum sichtbar, liegt der Bioladen „Onkel emma“. Das „l“ in Onkel sieht dabei aus wie eine Möhre mit Grün, die anderen Buchstaben sind möhren- oder wurzelähnlich. Der Laden ist nicht gewöhnlich, denn hier sind die Kunden Mitglieder und die Betreiber alle gleichberechtigt. Es gibt keinen Chef und keine Angestellten. „Wir wollen die Hierarchie möglichst gering halten, selbstständig und stressfrei arbeiten und zeigen, dass Menschen gleichberechtigt zusammen leben und arbeiten können“, sagt Anita Hopes. (Bild: das Ladenschild)
Die 33-Jährige hat in Marburg studiert und ist eine der fünf Kollektivistinnen und Kollektivisten, die den Laden betreiben. Sie brauchten alle einen Job, wollten in Marburg bleiben und etwas in der linken Szene machen. Als Antwort auf das Arbeitsplatzproblem haben sie „Onkel emma“ gegründet. Der Laden ist als Offene Handelsgesellschaft (OHG) organisiert. Jeder bekommt hier den gleichen Lohn, alle haben das gleiche Mitspracherecht. Mit 700 Mitgliedern läuft der Laden seit über sieben Jahren sehr gut und die Kapazitäten der Fünf sind voll ausgeschöpft. Die Warteliste für Neueintritte ist lang. Durchschnittlich ein Jahr wartet man, bis man eintreten darf. (Bild: Stefan Bauta, Markus Schielke und Anita Hopes)
Wer in dem Bioladen einkauft, hat die Wahl zwischen 2500 Produkten, davon 200 regionale Produkte. Auf den Einkaufspreis werden nur fünf oder zehn Prozent aufgeschlagen, um den Verlust verdorbener Waren auszugleichen. Andere Läden schlagen oft bis zu 100 Prozent auf den Einkaufspreis auf. Die fünf Kollektivisten legen Wert auf biologische und teilweise auch fair gehandelte Produkte. Es gibt fair gehandelten Kaffee, Schokolade und Bananen. Aber auch ökologischen Aufstrich, Müsli, Nudeln, Tomatensoße, Tee, Getränke, Körperöl oder Duschlotion. Die Liste ließe sich lang fortsetzen. „Ich finde die Atmosphäre hier toll. Der Laden ist nicht so vollgestopft mit Produkten und ich treffe hier immer jemanden, mit dem ich quatschen kann“, sagt Margit Giesen. Die 24 Jahre alte Mutter kauft fast ausschließlich bei „Onkel emma“ ein. Sie ernähre sich gerne mit Bioprodukten, könnte sich diese aber nicht leisten, wenn die Produkte bei „Onkel emma“ nicht so günstig wären. „Ich wohne eigentlich 20 Kilometer entfernt, komme aber trotzdem immer hier hin. Hier kann ich kinderfreundlich einkaufen und es ist alles so familiär. Außerdem finde ich es wichtig, politisch korrekte und fair gehandelte Produkte zu kaufen“, meint Margit.
„Damals hätten wir auch einen Buchladen eröffnen können“, sagt Anita Hopes heute. Sicher war nur, es sollte einer als Kollektiv organisierter Mitgliederladen werden. Die Vorteile sind für sie klar: „Wir wollten uns das Risiko und die Investition am Anfang teilen. Außerdem wollte niemand von uns Chef oder Angestellter sein.“ Die Fünf kannten sich vorher nur vom Sehen, haben dann aber zusammen an „Onkel emma“ gearbeitet. Manche von ihnen sind untereinander befreundet. Ein Bierchen nach der Arbeit zusammen zu trinken, ist aber eher ungewöhnlich. „Manchmal gibt es auch Konflikte, aber wir haben gelernt, diese zu lösen“, sagt die 33-Jährige. In einem hierarchisch organisierten Bioladen möchte sie niemals arbeiten. Dann eher noch in einem anderen Bereich, denn es geht ihr mehr um das Konzept, das hinter dem Laden steht, als um die Tätigkeit selbst. Die Betreiber stammen aus ganz unterschiedlichen Bereichen – haben Germanistik, Anglistik oder Biologie studiert oder eine Ausbildung zum Elektrotechniker und Ergotherapeuten gemacht. Wie Buchhaltung und Ladenführung funktionieren, haben sie sich vor der Eröffnung zeigen lassen, schließlich wollten sie alles selber machen. Nach Ladenschluss kommt keine Putzkraft – auch das Putzen erledigen die Fünf. (Bild: Markus Schielke und Anita Hopes)
Ändern sich die Preise der Großhändler, werden die Veränderungen direkt an die Mitglieder weitergegeben – so kann die Salatgurke in der einen Woche fünf Cent teurer sein, als in den darauffolgenden. Im Durchschnitt geben die Mitglieder pro Einkauf 30 Euro aus. Nichtmitglieder können das Konzept einen Monat lang testen, sie müssen nur den Mitgliedsbeitrag bezahlen und können dann soviel einkaufen, wie sie möchten.| Über die Autorin: Sabrina Gundert (21) studiert Geographie an der Philipps-Universität Marburg und ist als freie Journalistin tätig. Kontakt hier. |
03.07.2009