Infolge des Verdachts, dass in Italien 700.000 Tonnen Nahrungsmittel fälschlicherweise als Bio-Ware gehandelt wurden, hat
Bio Suisse sofortige Maßnahmen ergriffen. Seit Dienstag, 6. Dezember 2011 sind vorsorglich sämtliche Bio-Erzeugnisse des italienischen Unternehmens
Sunny Land gesperrt. Diese
Sperre betrifft auch bereits erfolgte Knospe-Importe, die bei betroffenen Schweizer Importfirmen an Lager sind. Bio Suisse hat ausserdem angeordnet, dass sämtliche Lagerware von Sunny Land zusätzlichen Untersuchungen nach Pestizidrückständen unterzogen werden muss. Dazu steht Bio Suisse in direktem Kontakt mit den betroffenen Schweizer Importeuren und mit den Kontrollstellen in Italien und in der Schweiz. Das italienische Handelsunternehmen Sunny Land verfügt über eine Labelanerkennung von Bio Suisse. Es hat bisher alle Voraussetzungen für den Handel von Knospe-Ware erfüllt.
Wie bereits
gestern berichtet, wurden im Zuge dieses Betrugsfalls
sieben Personen festgenommen. Bei den Verdächtigen handle es sich nach Angaben von
AssoBio (italienische Vereinigung von Bio-Herstellern und –Großhändlern) um folgende Personen und Firmen: Caterina Albiero, 47 (
Bioagri sas und "
La Spiga srl"); Andrea Grassi (
Fattoria della Speranza); Angela Nazaria Siena, 39
(Bioecoitalia srl, Terrasana sas, Centro cereali srl, Agridea SA (Schweiz),
Life Group Holding sa (Schweiz),
Agripoint società agricola srl); Luigi Marinucci, 63 (
Sunny Land Spa und
Società Agricola Marinucci) und Davide Scapini, 43 (
Sunny Land und
Terre del sole). Bei den weiteren beiden Personen handle es sich um zwei ehemalige Angestellte einer Zertifizierungsstelle.
Der Betrug habe laut AssoBio zwischen
2007 und 2009 stattgefunden und die Kontrollstellen hätten die beiden Mitarbeiter sofort nach Kenntnisnahme der Lage entlassen. Die zuständigen Behörden seien umgehend informiert worden. Alle Zertifizierungsstellen arbeiteten bereits seit einem Jahr eng mit der Guardia di Finanza (Polizeibehörde, die direkt dem Ministerium für Wirtschaft und Finanzen untersteht) zusammen und hätten Daten und Dokumente zur Verfügung gestellt, die eine Vertiefung und Erweiterung der Untersuchungen möglich gemacht hätten, so AssoBio. Bei den fälschlich als Bio-Ware deklarierten Produkten handle es sich ausschließlich um dicke Bohnen, Ackerbohnen, Sojabohnen, Futtermais und in geringem Umfang um Weizen. Die Ware sei hauptsächlich von Bulgarien und Rumänien importiert worden. Es sei fraglich, ob die angegebene Menge an Produkten (700.000 Tonnen) in dieser Höhe korrekt sei. Um ihre Transaktionen zu verschleiern, hätten die Firmen ihre Ware diverse Male untereinander verkauft. Somit wäre derzeit davon auszugehen, dass der Betrugsfall eventuell nicht das Ausmaß habe, von dem ursprünglich ausgegangen wurde.
Die
italienische Bio-Branche habe schon lange an das Ministerium für Landwirtschaft appelliert, eine
Datenbank anzulegen, in der alle Transkationen mit Bio-Lebensmitteln umgehend aufgenommen werden sollten.
FederBio, die italienische Vereinigung der Bio-Branche, hatte bereits letzten Monat entschieden, gegebenenfalls eine entsprechende Maßnahme selbst einzuleiten. Ziel einer solchen Datenbank sei es, die Daten aller Zertifizierungsstellen zusammenzuführen und so auch komplexe Transaktionen nachverfolgen zu können. FederBio sagte der Guardia di Finanza sowie dem zuständigen Gericht in Verona volle Unterstützung zu.
Seit Bekanntgabe der Betrugsfälle mit Bio-Lebensmitteln in Italien überprüfen die
deutschen Bio-Verbände umfassend, ob Mitgliedsunternehmen mit der fraglichen Ware beliefert wurden, teilte der
BÖLW mit. Dabei arbeiteten die deutschen Bio-Verbände eng mit den italienischen Verbandskollegen und den Bio-Kontrollstellen zusammen. Zum jetzigen Zeitpunkt gebe es keine Hinweise darauf, dass Lieferanten des deutschen Naturkosthandels betroffen seien. Als Konsequenz aus dem Skandal forderte Geschäftsführer Alexander Gerber: "Die Informationen zwischen deutschen und italienischen Kontrollstellen müssen einfach schneller fließen."
Einem Bericht der
taz zufolge, sind
543 Tonnen Getreide, vor allem Soja, nach Erkenntnissen der Finanzpolizei in der Provinz Verona nach Deutschland gelangt. Die Zertifizierungsfirma
Suolo e salute erhob schwere Vorwürfe gegen ihren ehemaligen Chef für die Region Marken. Suolo e Salute kontrolliert allein 25 % der Biobetriebe im Land. Die Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung erfuhr nach eigenen Angaben weder von den italienischen Behörden noch von der EU-Kommission von dem Skandal.
Die
Heuschrecke Naturkost GmbH teilte mit, nur sehr wenige Produkte aus Italien zu beziehen, hauptsächlich Gewürze und Kräuter. Diese wurden auf der Liste gefälschter Produkte nicht erwähnt. In einer Stellungnahme heißt es weiter: "Bei unseren Tomatenprodukten (Granulat, Flocken, Stückchen usw., nur Verarbeiterware) fragen wir gesondert unsere Hersteller dazu an, woher sie die Tomaten beziehen. Wir erwarten Antworten bis Do. Vormittag, und würden, falls Verdacht besteht, umgehend ein Rundfax starten. Wenn Sie nichts mehr von uns hören, war alles in Ordnung."
Angesichts des Skandals unterstreicht der italienische Bio-Wurstspezialitäten-Hersteller
Salumificio Pedrazzoli die Sicherheit seiner Produkte. Das Familienunternehmen aus Norditalien ist seit 1996 mit der Biomarke
Primavera auf dem Markt vertreten. Firmenchef Mauro Pedrazzoli betont: “Die Garantie für die Qualität ist neben unserer langen Präsenz am Markt vor allem die Transparenz unserer Arbeit: Unser Unternehmen öffnet sich jederzeit für Besucher“.